Arbeiten mit den Faszien – Vergiss nie die Grundlagen

Nach wie vor genießt das Thema „Faszien“ im Bereich des Trainings und der Therapie große Aufmerksamkeit. Neue Konzepte schießen aus dem Boden und jeder der etwas auf sich hält veröffentlicht oder gibt etwas zu diesem Thema von sich. Dennoch befinden wir uns eigentlich gerade erst am Anfang der Reise hin zu einem Verständnis dieser komplexen Strukturen.

Viele Trainer benutzen heute im Training mit ihren Kunden irgendeine Form von Massagerollen, um die Faszien ihrer Kunden zu aktivieren oder „Verklebungen“ zu beseitigen. So weit so gut. Doch manchmal scheint es so, dass einfach nur munter drauflosgerollt wird; dabei sollte man auf jeden Fall darüber nachdenken, welches Gewebe sich gerade unter der Rolle befindet. Natürlich Faszien, wird sich jetzt der eine oder andere denken und ich muss sagen:

               JA, ABER!!

Man sollte sich immer darüber bewusst sein, dass es verschiedene Formen von Faszien gibt. Das bringt mich zu der Schlussfolgerung, dass man demzufolge verschiedene Techniken anwenden sollte, wenn man die Faszien eines Kunden bearbeiten möchte. Da dieser Artikel auf keinen Fall wertend sein soll, möchte ich mich im Folgenden nur mit der strukturellen Einteilung der Faszien beschäftigen, um vielleicht dem einen oder anderen die Augen für die Vielfalt dieses faszinierenden Gewebes zu öffnen und ihn dazu anregen, bei seinen folgenden Trainings noch mehr darauf zu achten. Als Analogie möchte ich hierbei nur auf das funktionelle Training verweisen, wo es bereits selbstverständlich ist, dass man verschiedene Systeme auch verschiedenartig trainieren sollte (Bspw. globales und lokales System). Diese differenzierte Betrachtung sollten wir auch den Faszien angedeihen lassen, denn

               Faszien sind nicht gleich Faszien!

 

Grundsätzlich kann man die Faszien bzw. das Bindegewebe wie folgt einteilen:

  • Lockeres Bindegewebe
  • Straffes Bindegewebe – umfasst das straffe geflechtartige & straffe parallelfaserige Bindegewebe sowie das elastische Bindegewebe
  • Retikuläres Bindegewebe

 

  • Das lockere Bindegewebe dient dem Einbau und der Aufhängung von Organen. Durch seine Zusammensetzung sorgt es dafür, dass die Organe optimal miteinander verbunden sind. Des Weiteren wird durch diese spezielle Zusammensetzung gewährleistet, dass die freie Verschiebbarkeit von Lage und Form gewahrt bleibt, was beispielsweise bei der Einatmung eine wichtige Rolle spielt, da es durch diesen mechanischen Vorgang zu einer Bewegung der Eingeweide kommt. Den Aufbau kann man sich dabei als ein dreidimensionales Netzwerk aus locker verteilten Kollagenfasern und elastischen Fasern vorstellen. Dieses lockere Bindegewebe kommt dabei um und im gesamten Muskel, in den Leitungsbahnen (innerhalb und außerhalb von Organen) und im Interstitium (Zellzwischenraum) vor. Richtig spannend wird es, wenn man die Funktion betrachtet, die neben der Wasserspeicherung auch die Fettspeicherung, die Wundheilung (auch Narbenbildung) sowie die Kontraktionsfähigkeit durch Myofibroblasten umfasst.
  • Anders als das lockere Bindegewebe zeichnet sich diese Form durch seine hohe Festigkeit aus, da es zum Schutz der Funktionsorgane dient.
  • Das geflechtartige Bindegewebe kann man sich als Bündel vorstellen, die gleichzeitig in verschiedene Richtungen verlaufen. Die Anzahl der elastischen Fasern ist hierbei gering. Vor allem findet man dieses Bindegewebe im Bereich der Organkapseln und des Muskelbindegewebes. Durch seinen Aufbau gewährleistet es eine hohe Elastizität, wenn Zugkräfte aus allen möglichen Richtungen wirken.
  • Beim parallelfaserigen Bindegewebe verlaufen die Kollagenfasern dicht aneinandergelagert und sind parallel ausgerichtet. Diese Form des Bindegewebes findet sich vor allem in Sehnen, Bändern und Plantaraponeurosen. Anders als das geflechtartige Bindegewebe hat es die vornehmliche Aufgabe, die Übertragung von gleichgerichteten Zugkräften bei einem gleichzeitigen Schutz der Extrazellulärmatrix zu gewährleisten.
  • Das elastische Bindegewebe zeichnet sich – wie der Name schon sagt – dadurch aus, dass es einen sehr hohen Anteil an elastischen Fasern aufweist. Diese Fasern sind longitudinal ausgerichtet und werden zugleich von spiralförmigen Kollagenfibrillen umgeben, um diese Strukturen vor Rupturen zu schützen. Dieser Teil des Bindegewebes tritt vor allem im Bereich des Halses, des lig.flavum (zwischen zwei Wirbeln gelegenes Band) und der Bänder auf. Durch seine Struktur dient es dazu, eine hohe Mobilität bei gleichzeitiger Schutz- und Pufferfunktion zu gewährleisten.
  • Beim retikulären Bindegewebe handelt es sich vereinfacht gesagt um jenen Anteil, der zum lymphatischen System (Milz, Lymphkoten) und zum Knochenmark gehört.

Ich hoffe, dass ich mit diesem Artikel einen Anreiz dazu geben konnte, sich intensiv mit dem Thema Faszien auseinanderzusetzen, wenn man sich vorgenommen hat, ganzheitlich und vor allem nachhaltig zu arbeiten. Wie man hoffentlich sieht, gibt es eben nicht nur die Faszien, sondern verschiedene Formen, die unterschiedliche Funktionen und Strukturen besitzen. Daraus ergibt sich zwangsläufig, dass dieser Vielfalt in Funktion und Struktur mit Vielfalt im „Treatment“ begegnet werden sollte und eben nicht mit Pauschaltechniken.

Euer Ralph

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